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Der Schrecken der Medusa

Medusa aus dem Film „Clash of Titans“ (1981).

Es ist die mythologische Figur aus dem antiken Griechenland, die ein sehr gutes Bildnis und Gleichnis zum Thema Trauma gibt. Medusa mit ihrer furchterregenden Erscheinung, mit ihrem Schlangenkörper und ihren Haaren, die Schlangen sind, verwandelt sie jeden Menschen, der sie nur erblickt, augenblicklich zu Stein. Durch den Schrecken der Medusa, ist es wie bei einer traumatischen Erfahrung in unserem Leben, die uns die Lebendigkeit raubt und uns lähmt und uns schwer wie Stein macht (körperlich sowie auch unsere Gefühlswelt).

Grundsätzlich aber gibt es zwei große unterschiedliche Gruppen von Traumata: 1.) Monotraumen bzw. Polytraumen wie beispielsweise bei einem oder mehreren gehäuften Unfällen (die aber „immerhin“ mehr oder weniger klar und deutlich für bestimmte Symptome verantwortlich sind), oder 2.) Entwicklungs-Traumata, bei denen ein Stresspotential über einen langen Zeitraum hinweg besteht z.B. Kindheitsthemen wie Vernachlässigung, Mobbing, dauerhaften Missbrauch und pränatale Themen. Zwecks Klarheit geht es uns jetzt aber um die Kategorie eins.

Was passiert? Ein Schrecken fährt in unsere Wahrnehmungsswelt ein, ohne dass man sich davor schützen kann, und zwar kommt da etwas 1.) zu schnell, 2.) zu viel, 3.) zu plötzlich. Etwas ist zu intensiv für unsere momentane individuelle Bewältigungskapazität. Wir können weder adäquat mit Kampf oder Flucht (bzw. in irgendeiner sinnvollen Weise) reagieren. Wir sind überfordert. Wir sind nicht in unserem Kompetenzverhalten: „Ich kann nicht (anders)“.

Die Medusa – das Symbol für den Schrecken des Trauma – korrumpiert unsere Erinnerung und unseren Körper.

Was bedeutet das auf physiologischer Ebene? Da wir körperlich und geistig dem Schrecken nicht gewachsen sind, „gefriert uns das Blut in den Adern“; aus modernerer Sicht, ist es unser Nervensystem (welches uns in Bewegung setzen würde aber nun ja aufgrund der Überforderung nicht kann…) welches einen Eindruck setzt, eine Prägung, sodass ein Energiepotential in uns eingespeichert wird, ohne sich ganz einfach und natürlich wieder abbauen zu können. Wir stecken fest. Unbeweglich wie ein Stein sind wir der traumatischen Prägung ausgeliefert, mit allem was das so mit sich bringt. Physiologisch könnte das heißen (ob nun ein Unfall, Naturkatastrophe, Krieg, etc.), dass sich unsere Gefühle und Gedanken einerseits immer wieder im Negativstrudel um diese Erinnerungen drehen (muss aber nicht so explizit sein, kann auch vergessen oder verdrängt werden) und körperlich gesehen kann es zu diversen chronischen Kontraktionen kommen (also „Versteinerungen“ quasi), seien diese in den Gliedmaßen selbst (die nicht in der Lage waren erfolgreich zu kämpfen oder zu fliehen) bzw. in Muskelpartien z.B. im Nacken (Kopf einziehen, ducken) oder natürlich in unseren Diaphragmen wie z.B. unserem Zwerchfell welches für die fließende, rhythmische Atmung zuständig ist; oft wird bei einem großen Schrecken der Atem „gehalten“, das Zwerchfell spannt sich an und verliert die Elastizität, somit werden auch Gefühle (der Ausdruck davon) blockiert. Das kann zu chronischen Atem- und/oder Verdauungsbeschwerden führen und die betroffene Person weiß gar nicht mehr was los ist und warum der Körper das jetzt gerade so macht. Er macht es aufgrund eines nicht abgeschlossenen physiologischen Prozesses. Das Ereignis ist zwar schon passé. Nicht aber die neurologische Reaktion darauf. Ein hohes Energiepotential wurde noch nicht abgebaut, der Körper denkt, er sei immer noch in Gefahr. Tief drinnen sitzt noch der Schrecken.

Das Trauma liegt aber nicht im Ereignis per sé, sondern in der Reaktion unseres Nervensystems auf das Ereignis.

Was kann man tun? Den Menschen zurückführen um das Thema „aufzuarbeiten“, in die Dunkelheit blicken, sich seinen Ängsten stellen? Ja, das stimmt, nur hat die Sache einen Haken. Ganz abgesehen davon, dass der Schrecken der Medusa (die Erinnerung und das traumatische Erleben) so stark und tief sitzt, dass es oft einfacher (oder „angenehmer“) ist, sich dem Thema nicht nochmal stellen zu müssen und da nicht nochmal hinsehen zu müssen. Für Leute, die sich dem dennoch mutig stellen wollen, besteht der Haken darin, dass, auch wenn man hinsehen würde, es sein kann, dass man sogar re-traumatisiert wird und sich gar nichts löst oder bessert, es wird nur etwas noch einmal wieder erlebt. Vielleicht festigt sich sogar der negative Eindruck und das Spielchen hört nie auf. Also wie soll man vorgehen? Wenn es sich nicht von alleine lösen kann, braucht man eine kompetente und neutrale Helferperson, die einem verhilft stabile Ressourcen zu finden und zu etablieren. Ressourcen wirken kraftbringend und stabilisierend. Sind diese einmal stark genug, ist der Klient auch in der Lage sich nun seiner Erinnerung (die in seinem gesamten Nervensystem steckt – also auch körperlich und emotional) zu konfrontieren. Aber eben nicht ohne Schwimmreifen, die da wären: 1.) begleitende Heilerperson, 2.) sicherer Raum und 3.) die individuellen Ressourcen des Klienten. Nun „kostet“ man ein wenig von der negativen traumatischen Energie, gerade so viel wie es vertragen werden kann, um dann wieder zur positiven Ressource zurückzukehren. Dann wird zwischen diesen beiden Polen hin und her gependelt, auf dass sich das gestaute Energiepotentiale lösen können (sei dies durch Körperausdrücke, Laute, Zittern, emotionale Reaktionen, etc.). Dies häppchenweise durchzuführen nennen wir „titrieren“. Keine Katharsis, kein Knalleffekt, kein Explodieren, sondern ein tröpfchenweises Vorgehen um kontrolliert und in der eigenen Macht zu bleiben. So kommt der Klient nach und nach wieder in seine eigene Kompetenz und Sicherheit. Eine traumatische (übermäßig stresshafte) Erfahrung vollständig überwunden (verarbeitet, abgeschlossen und hinter sich gelassen) zu haben bedeutet, von den damaligen Erlebnissen nicht mehr in die seelischen und körperlichen Tiefen gezogen zu werden. Man kann dann aber sehr wohl davon aus seiner Biographie heraus berichten und erzählen, aber man fällt nicht in alte Symptome und Muster zurück, sondern erlebt ein angemessenes und sicheres Hier und Jetzt: Und nun heißt es mehr und mehr „Ich kann“.

Freeze – Eine biologische Funktion

Das „freeze“ bezeichnet einen biologischen Menchanismus, der den Säugetieren und auch den Menschen inne wohnt. In lebensbedrohenden Gefahrensituationen wird extrem viel Energie im Organismus mobilisiert. Es handelt sich um eine immense Lebensenergie, die durch Kampf oder Flucht das eigene Überleben sichern soll. Werden beide Auswege blockiert dann setzt sich diese Energie im Nervensystem fest, es hängt etwas nach, es wird etwas eingefroren. Und man denke auch als Mensch an die vielen sozialen Konformen, in die man sich presst, oder man ist festgehalten oder es gibt einfach keinen Ausweg z.B. auch nicht als Kleinkind in einem Heim, wo der Haussegen schief hängt. So entstehen entweder abrupt oder über einen Zeitraum hinweg (chronisch) diverse funktionale, neurologische, soziale, motorische Dysregulationen, die sich als Phobien, Engegefühlen, Zurückgezogenheit, Süchten, Atem- und Verdauungsbeschwerden äußern können.

Durch Somatic Experiencing, einer Traumatransformationsmethode, lässt sich ein neuer Zugang zum Körperbewusstsein entdecken. Ziel ist es das eingefrorene Energiepotential wieder aufzutauen, zu schmelzen, zu transformieren, auf dass man heraus – aus den alten zwanghaften Mustern – neue Wege voll Kraft und Freude begehen kann.

In folgendem Video sieht man sehr schön, wie sich ein Eisbär durch unwillkürliches Schütteln von seinem Stresspotential befreit.

 

 

Somatic Experiencing – Freeze

Säugetiere und auch Menschen besitzen einen uns innewohnenden Mechanismus des Nervensystems, der mit einer Starre (freeze) reagiert. Die bekannten und gängig gelehrten Modi unseres Nervensystems sind der Sympathikus (Aktivität, Bewegung, Action, Spannung) und Parasympathikus (Ruhe, Entspannung, Verdauung, Schlaf).

Aufgrund unseres Wirtschafts- und Lebnsstils im Westen ist es oft der Parasymaphitkus, der gestört und nicht richtig eingebettet im natürlichen Rhythmus funktioniert. Wir überbewerten die Aktivität: Wir werden erzogen ständig aktiv sein zu müssen, etwas leisten zu müssen, etwas aufzubauen, hart zu arbeiten um eine Karriereleiter hochzukommen (irgendwo daneben geht sich vielleicht auch noch das Dasein als Familienvater und Familienmutter aus. Etwas überspitzt ausgedrückt). Auf der anderen Seite suchen wir dann danach unsere Ruhe herstellen zu wollen mit diversen Entspannungstechniken, Meditation, Yoga, Esoterikmethoden, usw. Wir zwingen unserem natürlichen biologischen Rhythmus durch zu viel Tun etwas auf, was in vielen Positionen nicht gesund ist. Darum ist es so oft der Fall, dass wir Menschen an unergründlichen Stoffwechselproblemen zu leiden haben und die Atmung, Verdauung funktionieren nicht optimal. Wir haben Atembeschwerden, Verstopfung oder Druchfall oder können gar nicht ein- oder durchschlafen.

Zurück zum Thema: Auf eine akute Gefahr reagieren organische Lebewesen mit: Kampf oder Flucht. Der Sympathikus wird aktiviert und der Körper ist bereit zur Aktion (innerhalb eines Sekundenbruchteils). Da braucht das System keine Entspannung, Ruhe oder Verdauung. Kampf oder Flucht kann und soll natürlicherweise das Individuum vor der Gefahr schützen und retten um zu überleben. Nun kommt es: Wenn aber beide dieser Optionen nicht funktionieren – man ist z.B. festgehalten, oder die Bedrohung wird als so groß wahrgenommen, sodass das System überfordert ist und quasi zusammenbricht bzw. „einfriert“, erstarrt – dann gibt es einen von Gott (oder der Natur) geschaffenen Mechanismus, der uns auch retten kann: das freeze (eben: „Das Einfrieren“, Erstarren). Ein Satz von Woody Allen lautet: „Wenn ich schon sterben muss, dann möchte ich nicht dabei sein.“ – und genau darum geht es. Es macht uns den Abgang leichter, man spürt nichts mehr, nicht mal mehr Angst. Das freeze an sich ist aber nicht das Problem, sondern für uns Menschen ist es nur das Problem aus dem freeze wieder vollständig herauszukommen.

In der Tierwelt gibt es Beobachtungen, bei denen das Beutetier aus dem freeze hervorkommt, aufspringt und wegläuft; wie in folgendem Video diese Gazelle:

Beim Menschen ist es (scheinabr) etwas komplizierter. Da wir in unserer Kultur einen zu großen Schwerpunkt auf unser Großhirn gelegt haben (mittlerweile), haben wir einen Zugang und Gespür zu unserem natürlichen Körper und seinen Rhythmen verloren. In Somatic Experiencing stützen wir den Klienten und leiten ihn an, wieder Zugang zu den zugschütteten, eingefrorenen Arealen im Körper und im Sein zu finden und diese allmählich zu schmelzen und aufzutauen. Was darunter liegt und frei kommt? Pure Lebenskraft, Energie…

Massagetherapie – Faszien, Organe und Emotionen

„Faszien“ sind beinahe schon ein Modewort geworden. Wer Sport betreibt oder auch in der Massagetherapie oder Physiotherapie oder jeglichen manuellen Therapieberufen tätig ist und nicht mit dem Wissen von Faszien arbeitet, hat entweder etwas versäumt oder ist nicht aktuell informiert – so scheint es momentan. Nun kauft man sicher gerne Faszien-Rollen und liest in Gesundheits- und Sportmagazinen über die besagten Gewebestrukturen namens Faszien. Es handelt sich also um eine relativ moderne Entdeckung und ein neues Wissen im Anatomiebereich. Wenn man bedenkt, dass der erste internationale Faszienkongress (erst) 2007 in Boston stattgefunden hat, dann merkt man die Aktualität.

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Bild nach Meyers.

Das Wort Faszie bedeutet „Band/Bündel“. Allgemein gesagt handelt es sich dabei um eine elastische Bindegewebsstruktur, die Form und Halt gibt. Sie dient der Kraftübertragung, der Immunabwehr und hat auch Stoßdämpferfunktion. Faszeinstrukturen fungieren als verbindende und stabilisierende Gewebeart. Warum ist das Wissen um die Faszien so modern? Man kann sagen, dass die Faszien das sind, was wir früher in den Anatomiebüchern genau NICHT gesehen haben weil sie weggelassen bzw. „weggeschnitten“ wurden damit man die bisher bekannten und „relevanten“, offensichtlichen Strukturen erkennen kann wie z.B. Muskeln, Knochen, Organe usw. Die Faszien aber halten das ganze Gerüst zusammen und die Organe in ihrem Platz. Sie umhüllen und durchziehen Muskelfaserbündel, sie sind wie ein verbindenendes Spinnennetz, das auch durch Nervenrezeptoren Eigenwahrnehmung besitzt. Wir stellen somit fest, was unser Körper für eine Position im Raum hat in Kombination mit der Schwerkraftwirkung und auch den Kontakt mit den umgebenden Objekten (Boden, Sessel usw.) wird registriert.

Das Wort, welches aus der Architektur geborgt wurde, nämlich „Tensegrity“, beschreibt eine optimal gebaute stabile Struktur, die mit möglichst wenig Material (siehe Knochengerüst) mit Zugspannung (Sehnen und Faszienverkettungen – eine gewisse Grundspannung ist normal) zusammenhält – also auf möglichst geringen Raum die bestmögliche Stabilität und Bewegungsmöglichkeiten hat – schwingbar und nachgibig, wie ein erdbebensicheres Hochhaus beispielsweise.

Durch Bewegung trainieren wir unseren Körper. Die Faszien bekommen dadurch eine gute Ausrichtung und Kraft (aufgrund der innewohnenden Struktur und Lebendigkeit). Sitzen wir nur den ganzen Tag herum oder machen sonst auch keine Bewegung, dann verformt sich unser „Spinnennetzhaufen“ (also unsere Faszienausrichtung) und wird eher in ihrer Funktion immer schwächer und einfach unpraktischer und weniger funktionabel. Wir verlernen uns im Falle eines Sturtzes oder durch andere Stöße oder Fremdeinwirkungen gut abzufedern. Aber auch Bakterien und andere Mikroorganismen werden durch die den Faszien innewohnende Immunarmee abgewehrt. Weiters geht es hierbei auch um Gewahrsein. Da dieses Bindegwebe mit genug Nervensynapsen versorgt ist, können wir uns „einfach“ durch gutes Körperbewusstsein gesund halten. Da brauchen wir (eventuell) keine Tipps aus Magazinen oder Faszienrollen, denn wir merken instinktiv wenn wir uns bewegen wollen; wie Tiere – man denke an Hunde oder Katzen, die sich mit all ihrem Sein streeecken…, oder Pferde, die nach gewissem Streicheln einfach genug haben und gehen. Dafür dürfen wir bloß nicht eingesperrt sein, sonst ist jedes Aufstehen, Gehen etc. gut und vom Körper, den wir beleben, erwünscht.

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Myofaszialkette nach Meyers.

Gehen wir einen Schritt weiter. Die Faszien wirken also trennend und verbinden (z.B. im Rumpfraum zwischen den Organen). Die Organe sind nicht nur Produktions- und Verarbeitungsraffenerien mechanischer Natur. Sie sind etwas sehr lebendiges, etwas, was Befinden kommuniziert und auch unsere Emotionen. In der TCM (traditionellen chinesischen Medizin) werden bestimmte Gefühle und Emotionen mit bestimmten Organfunktionen gleichgesetzt. Beispielsweise geht es bei der Lunge um Freude oder Trauer (durchatmen, frei atmen können), die Leber steht für starke Emotionen wie Wut, Ärger (Wut im Bauch. Wenn etwa snicht wie geplant abläuft, dann ist uns eine Laus über die Leber gelaufen), der Magen ist die Kornkammer bzw. das wärmende Herdfeuer, das Herz steht für den Herrscher (in uns) und das Begehren usw.

Auch hat man festgestellt, dass sich die Myofaszialketten (Muskelfaszienketten – siehe Bilder) zu 80% mit den Meridianverläufen (Energiebahnen im Körper) aus der TCM decken. Die Myofaszialketten sind Strukturen wie Bahnen in unseren Körpern, die für bestimmte Kraft- und Bewegungsrichtungen zuständig sind; es sind Muskelgruppen, die zusammenarbeiten um eine Bewegung oder Drehung durchzuführen. Und es geht noch weiter: gibt es nun Ungleichgewichte in unseren Emotionen, dann hat dies wiederum Auswirkugen auf unsere mit Nervensynapsen durchzogenen Faszien-Bindegewebsstrukturen. Emotionen schlagen auf den Körper, wenn dies zu lange ignoriert wird, dann kann die Gesundheit massiv darunter leiden, bishin zur Organschwäche oder gar Dysfunktion. Der Körper trägt die Last – „the body bears the burden“.  Man kann an der Körperhaltung erkennen und ablesen was dahinterliegende Themen eines Menschen sein können. Etwas kann uns am Herzen liegen oder auf den Magen schlagen. Jemand oder etwas kann uns im Nacken sitzen. Das deutsche Wort „Angst“ stammt von „eng“, „Enge“. Kontraktionen enstehen bei Ungleichgewichten: Dies sind die Orte im Körper, in denen die Energie des Lebensflusses nicht optimal fließt, es sind unsere Blockaden, Lähmungen, Traumata, Verletzungen.

Massage-Fasziengriffe können hilfreich sein. Man versucht so Triggerpunkte (schmerzhafte, verhärtete Knötchen im Muskelfasziengewebe) aufzuspüren und diese zu lockern und zu lösen. Man muss aber auch selbst daran arbeiten und sich bewegen (sich nicht zwingen sondern den Körper erspüren und seinen Bedürfnissen folgen, sofern man sich dies erlaubt…oder erlauben kann). Mit Massage kann man also äußerlich heilsam einwirken.  Es gibt noch weitere Unterstützung: Durch Traumalösungsmethoden wie Somatic Experiencing verhilft man dem Klienten zu einem neuen und guten Körperempfinden zu gelangen, bei dem sich Verknotungen und Blockaden unter Umständen ganz von selbst lösen können, so wie eine Schlange, die sich von selbst aus ihrer Verknotung löst.

 

 

 

 

Somatic Experiencing – Techniken und Methoden

Somatic Experiencing (SE) ist eine körperorientierte „buttom-up“ Methode um traumatische Erlebnisse und Stresssituationen effektiv zu behandeln und über unsere bisherigen engen Muster über unsere Weltsicht und über die Sicht von uns selbst und unsere Empfindungen und Gefühle hinauszuwachsen, ja all dies neu zu erleben und neu zu entdecken. „Buttop up“ bedeuted, dass hierbei nicht unsere Gedanken, Ideen, Vorhaben und Vorstellungen unser Leben verändern oder heilen können (dieser Aspekt wäre „top down“ und wird natürlich nicht ignoriert und spielt auch eine Rolle!), sondern, dass unsere Biologie, unsere Physiologie, unsere Körperlichkeit und unser Nervensystem dazu in der Lage sind unsere Empfindungen und Erfahrungen neu zu strukturieren und neue Lebenskraft zu finden. Der Körper hat seine eigene Intelligenz, seine natürlichen Rhythmen und seine natürlichen Gaben, sich von Verletzungen (=Traumata) zu heilen. Aber wie funktioniert SE, mit welchen Methoden arbeitet diese von dem biologieaffinen US-Amerikaner Peter A. Levine ins Leben gerufene Traumatherapie?

In einer Sitzung kommen folgende Techniken zum Zug (die Nummerierungen bedeuten nicht, dass man unbedingt in der Reihenfolge arbeiten muss):

92000000330879531.) Eine Atmosphäre relativer Sicherheit schaffen und geben. Orientierung im Hier und Jetzt: Ein sicherer Raum und eine ungefährdende Beziehung verhelfen dabei sich neu zu formieren und orientieren zu können.

2.) Ressourcen des Klieten ausfindig und ihn darauf aufmerksam machen: Ressourcen sind Quellen innerer Kraft für den Klienten. Darüber zu schreiben allein könnte Bücher füllen, aber prinzipiell sind es Gedanken, Erinnerungen, Haltungen, Tätigkeiten die einem Halt im Leben geben.

3.) Den Klienten dabei unterstützen eine Empfindung von sich zu erforschen und diese zu akzeptieren. Der felt sense: Der felt sense ist das Hauptwerkzeug in dieser Therapiemethode. Dieser ist nicht mit einfachen Worten ins Deutsche zu übersetzen, aber es geht einfach um die Wahrnehmung, dessen, was in unseren Körpern geschieht. Wie fühlt es sich innen an? Eng? Zittrig? Zugeschnürt? Weit? Wohl? Hierbei wird z.B. schon mal in ein problematisches Gebiet hineingefühlt. Nicht zu viel. Nur soviel, wie es geht und dem Klienten zuträglich ist. Aber es geht nicht nur um problematische Empfindungen.  Auf dies zu achten ohne zu bekämpfen, zu regisitrieren um zu regulieren, ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Erforschung des Körpers und um ein besseres Gefühl zu sich selbst und gegenüber seinen Mitmenschen und seiner Umwelt zu entwickeln und zu stabilisieren.

4.) Pendeln: „Pendeln“ heißt, dass der Klient nun dazu ermutigt wird seine Aufmerksamkeit von der einen (positven) Ressource bewusst zur (negativen) Erfahrung/Empfindung zu bewegen. Hin und her. Hin und her. Aber auch hier: Nicht zu viel. Dies bringt Energien in Schwung:

5.) Titrieren: Dieser Begriff ist aus der Chemie geborgt. Es geht um die Erkenntnis, dass zwei bestimmte Stoffe (z.B. Flüssigkeiten) explodieren könnten – füge man sie zu rasch zueinander. Beim Titrieren geht es darum tröpfchenweise, Schritt für Schritt und möglichst langsam vorzugehen. Das schützt den Klienten vor etwaigen Retraumatisierungen und „Explosionen“ im System, was zu viel aufwühlen und durcheinander und den Klienten in Gefahr bringen könnte, dadurch, dass er plötzlich mit zu viel des traumatischen Inhaltes (Erinnerungen, Gefühle etc.) konfrontiert ist.

Ein Trauma vom Bildnis her ist auch so etwas: Eine Fee kommt daher und friert lauter Ungeheuer und Ungeziefer alle auf einmal mit ihrem Zauberstab ein um den bedrohten Klienten zu schützen. Die Viecher rühren sich nun nicht mehr. Sie sind aber noch da. Das ist das traumatische Material, das erlöst werden mag. Zu viel davon auf einmal aufzutauen könnte die Person aus der Bahn werfen oder sogar ernsthaft gefährden. Die vielen Ungeheuer und das Ungeziefer wären zu viel zum Bewältigen, wenn die alle wieder aufgetaut sind, umherwuseln und ihr Unwesen treiben. Deswegen knöpft man sich – aus Sicherheitsgründen und weil es einfach angenehmer und stabiler für den menschlichen Organismus ist – ein Ungeheuer nach dem anderen vor, taut es auf, schaut es sich an und kann es dann allmählich auch wieder gehen lassen.

6.) Abbwehrreaktionen stärken. Containment erfahren. Grenzen erkennen: Die Abwehrreaktionen, für die es damals, zum Zeitpunkt des Traumas, keine Zeit oder Möglichkeit gab, kann nun neu aktiviert werden und inkorporiert werden, so dass der Organismus auch weiß, dass er es nun kann – sich zur Wehr setzen und dass so etwas wie damals nicht nocheinmal passieren muss. Die Angst wird überwunden duch den neuen Kraft- un Erkenntnisgewinn. Die Selbstermächtigung kehrt zurück (oder wird neu erfunden!).

Das containment sind die eigenen Grenzen und das eigene Fassungsvermögen. Kann man eine Erregung (bzw. Umwelteinflüsse oder andere Menschen) nicht aushalten, so verliert man schnell die Fassung. Ziel der Traumabehandlungen ist es, sich des containments gewahr zu werden und mehr spüren zu können, ohne daran zu Grunde zu gehen. Die Resilienzfähigkeit (Widerstandskraft) wird erhöht.

7.) Entladung: Alte Muster können entladen werden. Der Körper kann dies durch leichtes Zittern, Schütteln, Stöhnen, Seufzen, durch Worte, Tränen oder andere Bewegungen vollziehen. Nach dem dies einmal geschehen ist, kann neuverhandet werden, mit dem man nun die Empfindungen im Nervensystem „überschreibt“:

8.) Neuverhandlung und Integration: Unsere Nervenbahnen sind wie Hasenwege. Hasen hinterlassen eine ausgetretene Spur im Gras wenn sie immer und immer wieder den selben Weg laufen. So verhält es sich mit unseren Gewohnheitsmustern, abgespeichert in unserem Nervensystem. Der gewohnte Weg ist zwar viel offensichtlicher, erstmal logischer und quasi „sicherer“. Eigentlich aber ist er nur ein gewohnter Weg. Es ist nun an der Zeit neue Hasewege zu laufen. Auch wenn sich das mal komisch (weil ungewohnt) anfühlt. Es gehören ein gewisser Mut und eine Neugier und Entdeckungslust dazu, um neue Wege zu gehen und das unberührte Gras niederzudrücken – so werden neue neuronale Synapsenverbindungen hergestellt! Wenn jemand die Wege schon mal in seinem Leben gegangen ist und sie aufgrund der Verletzung (z.B. ein Monotrauma) nur „vergessen“ oder verlernt hat, so kann er sich womöglich eher wieder bald zurück erinnern. Wenn diese Wege jemand noch gar nicht kannte, so ist es wohl neu für ihn und er muss neues dazulernen und seinen sicheren (eigentlich „eingeengten“) Hafen zu verlassen – raus aus der trauamtischen Zwangsjacke.

Ziel des Ganzen ist es sich selbst und seinen Körper besser und bewusster wahrzunehmen und um freier und stabiler und resilienter (widerstandsfähiger gegenüber Stress) zu werden um ein selbstbestimmteres, selbstermächtigtes Leben führen zu können. Entscheidende fragen hierzu lauten: Wann komme ich in meinen stressvollen „ich muss-Zustand“ und wann bin ich in meinem (hoffentlich nun ausgeweiteten) entspannt-wachen „ich kann-Zustand“?

 

 

 

Somatic Experiencing® – Eine Einführung

Somatic Experiencing ist eine von Peter A. Levine ins Lebens gerufene Art der Traumalösungsmethode. Der US-Amerikaner promovierte in medizinischer Biophysik und Psychologie. Er arbeitete jahrelang in diversen Schmerzzentren, bei der NASA zur Stressbewältigung, sowie auch mit US-Kriegstraumatisierten aus Vietnam und dem Irak. Der Zugang, den er zur Traumabewältigung erarbeitete, ist einer aus der Sicht der Biologie. Viele seiner Erkenntnisse leitete er aus dem Tierreich ab und er fand, dass Tiere in freier Wildbahn keine posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) davontrugen – im Gegensatz zum Menschen – und das, obwohl die Tiere sich in mehr oder minder ständiger Bedrohung und sogar Lebensgefahr befinden. Der Mensch innehalb seiner „sicherern Zivilisation“ ist da etwas anders und trägt sehr wohl unfallbedingte und entwicklungsbedingte PTBS davon. Eigentlich sind es keine Störungen sondern unabgeschlossene Impulse des Nervensystems. Es ist also vielmehr eine Regulationsschwierigkeit als eine Störung. Steht uns unser Neokortex (das Großhirn) womöglich zur Beseitigung gewisser Belastungen sogar im Wege?

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Ein neues Paradigma bricht nun hern, was die Therapie vom Menschen angehen sollte. Traumatische Belastungen nur auf psychischer Ebene zu betrachten und auch so behandeln zu wollen (z.B. nur rein verbal) ist beinahe absurd. Denn wer oder was speichert oder erinnert sich da? Es gibt Überlebensmethoden des Verdrängens und mehr. Der Geist mag verdrängen und vergessen aber der Körper vergisst nicht. Es geht einfach um Verletzungen und Wunden, ganz allgemein gesagt, die verheilen können und möglichst alle Ebenen miteinbeziehen: Den Neokortex, das limbische System und auch unser Reptilienstammhirn. Außerdem gibt es in unserem menschlichen Dasein Entwicklungsstufen – z.B. pränatal oder präverbal im Säuglingsalter – so, dass es gar keine Möglichkeit gibt bestimmte Ereignisse und Vorfälle zu beschreiben oder zu artikulieren, da ja die Sprache und das Großhirn einfach dafür noch nicht ausgeprägt waren. Dennoch passieren Dinge in dieser Zeit. Und einiges davon wiegt selbstverständlich mehr, als würde es uns im Erwachsenenalter widerfahren (man denke einfach an Kälte- oder Gewalt- oder Lautstärke-Einwirkungen). Also wer oder was speichert dies ab in uns? Unser Nervensystem! Es ist die Erkenntniss, dass Traumata in unserem Nervensystem „feststecken“ oder „eingefroren“ sind, was die Konsequenz hat, dass man über eine körperlich (somatisch) orientierte Methode eher an Empfindungen und Erfahrungen herankommt und diese so transformieren kann. Das Nervensystem ist darauf ausgelegt sich selbst zu regulieren. Wenn das gelingt, sind wir in einem guten dynamischen und stabilen Gleichgewicht. Kommen diverse Prozesse jedoch nicht zu einem von der Biologie vorgesehen Abschluss (wie z.B. auch „fight“ oder „flight“), dann zeichnet sich das im Organismus ab: durch Ängste, Kontraktionen, Unregelmäßigkeiten in der Regulation, Verdauungs- und Atembeschwerden uvam. Das Nervensystem reagiert mit einer weiteren Funktion – dem „freeze“ – bei dem der Organismus aus Selbstschutz einfach „herunterfährt“ z.B. im Angesicht des kurz bevorstehenden Todes („Wenn ich schon sterben muss, dann möchte ich nicht dabei sein.“). Das freeze ist nicht das Problem – wir müssen da nur wieder herauskommen. Es gibt Beobachtungen aus der Tierwelt, bei denen ein scheinbar regungsloses Beutetier plötzlich wieder aufspringt und davonrennt. Auch wir Menschen erstarren. Nur wir kommen einfach nicht mehr so leicht aus der Erstarrung heraus, wie die Tiere in freier Wildbahn. Teile von uns bleiben kontrahiert und nicht „im Fluss“. Etwas hängt uns noch etwas nach, ist nicht abgeschlossen. Wir sind nicht darüber hinweg.

Somatic Experiencing® verhilft durch eine mitfühlende, ruhige Begleitung in einem sicheren Setting, die Körperempfindungen durch Spüren, durch Atmen, durch Bewegung wahrzunehmen und bestimmte Angelegenheiten in uns neu zu verhandeln und neu zu integrieren. Es soll uns verhelfen uns von alten Geschichten, die uns nachhängen und Verletzungen zu befreien. Wir können lernen neue, mutige Wege in unserem Leben zu gehen und unseren Körper und die Welt wieder als einen sichereren Ort erleben und wahrnehmen. Es geht bei der Methode um Stressbewältigung, Resilienz, Bindungsfähigkeit, soziales Engagement und das Durchbrechen negativer Muster, sowie auch das Stoppen des weiteren Traumatisieren von Kleinkindern. Aber Traumata sind einfach ein Fakt des Lebens. Das wird sich wohl nie verhindern lassen. Allerdings müssen wir nicht ein Leben lang daran leiden oder es als Freiheitsstrafe hinnehmen. Diese Zwangsjacke der Belastungen in unserem Nervensystem lassen sich regulieren und neu verhandeln.