Massagetherapie – Faszien, Organe und Emotionen

„Faszien“ sind beinahe schon ein Modewort geworden. Wer Sport betreibt oder auch in der Massagetherapie oder Physiotherapie oder jeglichen manuellen Therapieberufen tätig ist und nicht mit dem Wissen von Faszien arbeitet, hat entweder etwas versäumt oder ist nicht aktuell informiert – so scheint es momentan. Nun kauft man sicher gerne Faszien-Rollen und liest in Gesundheits- und Sportmagazinen über die besagten Gewebestrukturen namens Faszien. Es handelt sich also um eine relativ moderne Entdeckung und ein neues Wissen im Anatomiebereich. Wenn man bedenkt, dass der erste internationale Faszienkongress (erst) 2007 in Boston stattgefunden hat, dann merkt man die Aktualität.

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Bild nach Meyers.

Das Wort Faszie bedeutet „Band/Bündel“. Allgemein gesagt handelt es sich dabei um eine elastische Bindegewebsstruktur, die Form und Halt gibt. Sie dient der Kraftübertragung, der Immunabwehr und hat auch Stoßdämpferfunktion. Faszeinstrukturen fungieren als verbindende und stabilisierende Gewebeart. Warum ist das Wissen um die Faszien so modern? Man kann sagen, dass die Faszien das sind, was wir früher in den Anatomiebüchern genau NICHT gesehen haben weil sie weggelassen bzw. „weggeschnitten“ wurden damit man die bisher bekannten und „relevanten“, offensichtlichen Strukturen erkennen kann wie z.B. Muskeln, Knochen, Organe usw. Die Faszien aber halten das ganze Gerüst zusammen und die Organe in ihrem Platz. Sie umhüllen und durchziehen Muskelfaserbündel, sie sind wie ein verbindenendes Spinnennetz, das auch durch Nervenrezeptoren Eigenwahrnehmung besitzt. Wir stellen somit fest, was unser Körper für eine Position im Raum hat in Kombination mit der Schwerkraftwirkung und auch den Kontakt mit den umgebenden Objekten (Boden, Sessel usw.) wird registriert.

Das Wort, welches aus der Architektur geborgt wurde, nämlich „Tensegrity“, beschreibt eine optimal gebaute stabile Struktur, die mit möglichst wenig Material (siehe Knochengerüst) mit Zugspannung (Sehnen und Faszienverkettungen – eine gewisse Grundspannung ist normal) zusammenhält – also auf möglichst geringen Raum die bestmögliche Stabilität und Bewegungsmöglichkeiten hat – schwingbar und nachgibig, wie ein erdbebensicheres Hochhaus beispielsweise.

Durch Bewegung trainieren wir unseren Körper. Die Faszien bekommen dadurch eine gute Ausrichtung und Kraft (aufgrund der innewohnenden Struktur und Lebendigkeit). Sitzen wir nur den ganzen Tag herum oder machen sonst auch keine Bewegung, dann verformt sich unser „Spinnennetzhaufen“ (also unsere Faszienausrichtung) und wird eher in ihrer Funktion immer schwächer und einfach unpraktischer und weniger funktionabel. Wir verlernen uns im Falle eines Sturtzes oder durch andere Stöße oder Fremdeinwirkungen gut abzufedern. Aber auch Bakterien und andere Mikroorganismen werden durch die den Faszien innewohnende Immunarmee abgewehrt. Weiters geht es hierbei auch um Gewahrsein. Da dieses Bindegwebe mit genug Nervensynapsen versorgt ist, können wir uns „einfach“ durch gutes Körperbewusstsein gesund halten. Da brauchen wir (eventuell) keine Tipps aus Magazinen oder Faszienrollen, denn wir merken instinktiv wenn wir uns bewegen wollen; wie Tiere – man denke an Hunde oder Katzen, die sich mit all ihrem Sein streeecken…, oder Pferde, die nach gewissem Streicheln einfach genug haben und gehen. Dafür dürfen wir bloß nicht eingesperrt sein, sonst ist jedes Aufstehen, Gehen etc. gut und vom Körper, den wir beleben, erwünscht.

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Myofaszialkette nach Meyers.

Gehen wir einen Schritt weiter. Die Faszien wirken also trennend und verbinden (z.B. im Rumpfraum zwischen den Organen). Die Organe sind nicht nur Produktions- und Verarbeitungsraffenerien mechanischer Natur. Sie sind etwas sehr lebendiges, etwas, was Befinden kommuniziert und auch unsere Emotionen. In der TCM (traditionellen chinesischen Medizin) werden bestimmte Gefühle und Emotionen mit bestimmten Organfunktionen gleichgesetzt. Beispielsweise geht es bei der Lunge um Freude oder Trauer (durchatmen, frei atmen können), die Leber steht für starke Emotionen wie Wut, Ärger (Wut im Bauch. Wenn etwa snicht wie geplant abläuft, dann ist uns eine Laus über die Leber gelaufen), der Magen ist die Kornkammer bzw. das wärmende Herdfeuer, das Herz steht für den Herrscher (in uns) und das Begehren usw.

Auch hat man festgestellt, dass sich die Myofaszialketten (Muskelfaszienketten – siehe Bilder) zu 80% mit den Meridianverläufen (Energiebahnen im Körper) aus der TCM decken. Die Myofaszialketten sind Strukturen wie Bahnen in unseren Körpern, die für bestimmte Kraft- und Bewegungsrichtungen zuständig sind; es sind Muskelgruppen, die zusammenarbeiten um eine Bewegung oder Drehung durchzuführen. Und es geht noch weiter: gibt es nun Ungleichgewichte in unseren Emotionen, dann hat dies wiederum Auswirkugen auf unsere mit Nervensynapsen durchzogenen Faszien-Bindegewebsstrukturen. Emotionen schlagen auf den Körper, wenn dies zu lange ignoriert wird, dann kann die Gesundheit massiv darunter leiden, bishin zur Organschwäche oder gar Dysfunktion. Der Körper trägt die Last – „the body bears the burden“.  Man kann an der Körperhaltung erkennen und ablesen was dahinterliegende Themen eines Menschen sein können. Etwas kann uns am Herzen liegen oder auf den Magen schlagen. Jemand oder etwas kann uns im Nacken sitzen. Das deutsche Wort „Angst“ stammt von „eng“, „Enge“. Kontraktionen enstehen bei Ungleichgewichten: Dies sind die Orte im Körper, in denen die Energie des Lebensflusses nicht optimal fließt, es sind unsere Blockaden, Lähmungen, Traumata, Verletzungen.

Massage-Fasziengriffe können hilfreich sein. Man versucht so Triggerpunkte (schmerzhafte, verhärtete Knötchen im Muskelfasziengewebe) aufzuspüren und diese zu lockern und zu lösen. Man muss aber auch selbst daran arbeiten und sich bewegen (sich nicht zwingen sondern den Körper erspüren und seinen Bedürfnissen folgen, sofern man sich dies erlaubt…oder erlauben kann). Mit Massage kann man also äußerlich heilsam einwirken.  Es gibt noch weitere Unterstützung: Durch Traumalösungsmethoden wie Somatic Experiencing verhilft man dem Klienten zu einem neuen und guten Körperempfinden zu gelangen, bei dem sich Verknotungen und Blockaden unter Umständen ganz von selbst lösen können, so wie eine Schlange, die sich von selbst aus ihrer Verknotung löst.