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Der Schrecken der Medusa

Medusa aus dem Film „Clash of Titans“ (1981).

Es ist die mythologische Figur aus dem antiken Griechenland, die ein sehr gutes Bildnis und Gleichnis zum Thema Trauma gibt. Medusa mit ihrer furchterregenden Erscheinung, mit ihrem Schlangenkörper und ihren Haaren, die Schlangen sind, verwandelt sie jeden Menschen, der sie nur erblickt, augenblicklich zu Stein. Durch den Schrecken der Medusa, ist es wie bei einer traumatischen Erfahrung in unserem Leben, die uns die Lebendigkeit raubt und uns lähmt und uns schwer wie Stein macht (körperlich sowie auch unsere Gefühlswelt).

Grundsätzlich aber gibt es zwei große unterschiedliche Gruppen von Traumata: 1.) Monotraumen bzw. Polytraumen wie beispielsweise bei einem oder mehreren gehäuften Unfällen (die aber „immerhin“ mehr oder weniger klar und deutlich für bestimmte Symptome verantwortlich sind), oder 2.) Entwicklungs-Traumata, bei denen ein Stresspotential über einen langen Zeitraum hinweg besteht z.B. Kindheitsthemen wie Vernachlässigung, Mobbing, dauerhaften Missbrauch und pränatale Themen. Zwecks Klarheit geht es uns jetzt aber um die Kategorie eins.

Was passiert? Ein Schrecken fährt in unsere Wahrnehmungsswelt ein, ohne dass man sich davor schützen kann, und zwar kommt da etwas 1.) zu schnell, 2.) zu viel, 3.) zu plötzlich. Etwas ist zu intensiv für unsere momentane individuelle Bewältigungskapazität. Wir können weder adäquat mit Kampf oder Flucht (bzw. in irgendeiner sinnvollen Weise) reagieren. Wir sind überfordert. Wir sind nicht in unserem Kompetenzverhalten: „Ich kann nicht (anders)“.

Die Medusa – das Symbol für den Schrecken des Trauma – korrumpiert unsere Erinnerung und unseren Körper.

Was bedeutet das auf physiologischer Ebene? Da wir körperlich und geistig dem Schrecken nicht gewachsen sind, „gefriert uns das Blut in den Adern“; aus modernerer Sicht, ist es unser Nervensystem (welches uns in Bewegung setzen würde aber nun ja aufgrund der Überforderung nicht kann…) welches einen Eindruck setzt, eine Prägung, sodass ein Energiepotential in uns eingespeichert wird, ohne sich ganz einfach und natürlich wieder abbauen zu können. Wir stecken fest. Unbeweglich wie ein Stein sind wir der traumatischen Prägung ausgeliefert, mit allem was das so mit sich bringt. Physiologisch könnte das heißen (ob nun ein Unfall, Naturkatastrophe, Krieg, etc.), dass sich unsere Gefühle und Gedanken einerseits immer wieder im Negativstrudel um diese Erinnerungen drehen (muss aber nicht so explizit sein, kann auch vergessen oder verdrängt werden) und körperlich gesehen kann es zu diversen chronischen Kontraktionen kommen (also „Versteinerungen“ quasi), seien diese in den Gliedmaßen selbst (die nicht in der Lage waren erfolgreich zu kämpfen oder zu fliehen) bzw. in Muskelpartien z.B. im Nacken (Kopf einziehen, ducken) oder natürlich in unseren Diaphragmen wie z.B. unserem Zwerchfell welches für die fließende, rhythmische Atmung zuständig ist; oft wird bei einem großen Schrecken der Atem „gehalten“, das Zwerchfell spannt sich an und verliert die Elastizität, somit werden auch Gefühle (der Ausdruck davon) blockiert. Das kann zu chronischen Atem- und/oder Verdauungsbeschwerden führen und die betroffene Person weiß gar nicht mehr was los ist und warum der Körper das jetzt gerade so macht. Er macht es aufgrund eines nicht abgeschlossenen physiologischen Prozesses. Das Ereignis ist zwar schon passé. Nicht aber die neurologische Reaktion darauf. Ein hohes Energiepotential wurde noch nicht abgebaut, der Körper denkt, er sei immer noch in Gefahr. Tief drinnen sitzt noch der Schrecken.

Das Trauma liegt aber nicht im Ereignis per sé, sondern in der Reaktion unseres Nervensystems auf das Ereignis.

Was kann man tun? Den Menschen zurückführen um das Thema „aufzuarbeiten“, in die Dunkelheit blicken, sich seinen Ängsten stellen? Ja, das stimmt, nur hat die Sache einen Haken. Ganz abgesehen davon, dass der Schrecken der Medusa (die Erinnerung und das traumatische Erleben) so stark und tief sitzt, dass es oft einfacher (oder „angenehmer“) ist, sich dem Thema nicht nochmal stellen zu müssen und da nicht nochmal hinsehen zu müssen. Für Leute, die sich dem dennoch mutig stellen wollen, besteht der Haken darin, dass, auch wenn man hinsehen würde, es sein kann, dass man sogar re-traumatisiert wird und sich gar nichts löst oder bessert, es wird nur etwas noch einmal wieder erlebt. Vielleicht festigt sich sogar der negative Eindruck und das Spielchen hört nie auf. Also wie soll man vorgehen? Wenn es sich nicht von alleine lösen kann, braucht man eine kompetente und neutrale Helferperson, die einem verhilft stabile Ressourcen zu finden und zu etablieren. Ressourcen wirken kraftbringend und stabilisierend. Sind diese einmal stark genug, ist der Klient auch in der Lage sich nun seiner Erinnerung (die in seinem gesamten Nervensystem steckt – also auch körperlich und emotional) zu konfrontieren. Aber eben nicht ohne Schwimmreifen, die da wären: 1.) begleitende Heilerperson, 2.) sicherer Raum und 3.) die individuellen Ressourcen des Klienten. Nun „kostet“ man ein wenig von der negativen traumatischen Energie, gerade so viel wie es vertragen werden kann, um dann wieder zur positiven Ressource zurückzukehren. Dann wird zwischen diesen beiden Polen hin und her gependelt, auf dass sich das gestaute Energiepotentiale lösen können (sei dies durch Körperausdrücke, Laute, Zittern, emotionale Reaktionen, etc.). Dies häppchenweise durchzuführen nennen wir „titrieren“. Keine Katharsis, kein Knalleffekt, kein Explodieren, sondern ein tröpfchenweises Vorgehen um kontrolliert und in der eigenen Macht zu bleiben. So kommt der Klient nach und nach wieder in seine eigene Kompetenz und Sicherheit. Eine traumatische (übermäßig stresshafte) Erfahrung vollständig überwunden (verarbeitet, abgeschlossen und hinter sich gelassen) zu haben bedeutet, von den damaligen Erlebnissen nicht mehr in die seelischen und körperlichen Tiefen gezogen zu werden. Man kann dann aber sehr wohl davon aus seiner Biographie heraus berichten und erzählen, aber man fällt nicht in alte Symptome und Muster zurück, sondern erlebt ein angemessenes und sicheres Hier und Jetzt: Und nun heißt es mehr und mehr „Ich kann“.

Warum es oft so schwer ist…

Rubens Bild "Das Haupt der Medusa". Quelle: Wikipedia.

Peter Paul Rubens Bild „Das Haupt der Medusa“. Quelle: Wikipedia.

Warum haben wir oftmals große Schwierigkeiten etwas in unserem Leben zu ändern, was wir gerne ändern würden? Warum gibt es Muster, die uns immer wieder im Äußeren begegnen, die sich uns als Probleme darstellen? Die Ursachen liegen in uns, die äußeren Bedingungen lösen etwas in uns aus (wir werden getriggert). Aus der Sicht der Traumatherapiemethode Somatic Experiencing ist dieser Teufelskreis durch unser vegetatives Nervensystem zu erklären; die Lösung dazu liegt ebenfalls da, und wir sind in der Lage mit dem Körper neues zu strukturieren, zu lernen und zu erfahren. Alleine aus einem problematischen Strudel herauszukommen ist kaum möglich, denn als soziale Wesen brauchen wir ein mitfühlendes, begleitendes Gegenüber, ohne Druck und Bedingungen – z.B. als Orientierung und Stütze.

Was wir erleben und erfahren speichert sich in unserem Körper und in unserem Nervensystem ab. Die Einflüsse auf uns beginnen bereits im Mutterleib. Geht es der Mutter etwa schlecht, gibt es Bindungs- und Beziehungsprobleme mit dem Partner und viel Streit, oder ist die Mutter anderwertig belastet durch Krieg, Umweltkatastrophen oder sonsitgem, dann hat dies auch eine Wirkung auf den Fötus. Durch herkömmliche Methoden kommt man therapeutisch eigentlich kaum an solche frühen Erfahrungen heran. Unser Großhirn für die Begriffsbildung ist noch nicht ausgeprägt und wir können die Welt noch nicht beschreiben (darum gibt es aus unserem persönlichen Säuglingsalter keine bewussten Erinnerungseindrücke). Und in den ersten Jahren des Lebens passiert viel mit uns. Zusätzlich ist man in diesem Entwicklungsstadium einfach verletzlicher als erwachsene Menschen. Ein Säugling ist verletzlicher als ein Kleinkind ist verletzlicher als ein Erwachsener. Deswegen ist es von enormer Bedeutung was uns in welchem Entwicklungsstadium widerfährt. Aber das sollte doch theoretisch nichts ausmachen, denn wir haben den freien Willen um in Zukunft anders und  überelegt zu handeln und unser Leben selbst zu gestalten, da müssen wir doch nicht mehr leiden? Traumatische (stresshafte) Erfahrungen sind wie imprägniert, etwas bleibt in uns stecken, wir erstarren. Unser Körper erstarrt im Schrecken der überwältigenden Eindrücke der Umwelt.

Es gibt grundsätzlich zwei Arten von Traumata:

  1. Monotraumen wie z.B. ein Unfall, Explosion, Gewalt, Missbrauch, Tod eines nahen Menschen,…etwas übersteigt unsere Bewältigungskapazität (Resilienz) – denn da passiert was zu schnell, zu viel und zu plötzlich.
  2. Polytraumen oder chronische Traumen: Diese Syndrome sind wesentlich versteckter und raffinierter und meist selbst nicht ein mal bewusst oder erinnerlich. Es handelt sich beispielsweis um sehr lange anhaltenden Stress, stilles Leiden, Missbrauch über Jahre, ein schiefhängender Haussegen und die oben erwähnten schädlichen Einflüsse im Säuglingsalter.

Während bei der ersten Kategorie die Sache relativ klar ist und bewusst an etwas bestimmten „gearbeitet“ wird, ist die Sache wesentlich verflixter bei Kategorie 2. Denn man weiß bewusst von nichts. Man ist schlicht und einfach in dem Nervenkostüm daheim, so wie man es kennt und gewohnt ist seit Jahren oder immer schon (seit dem Säuglingsalter). Hierbei wird geschaut, dass man die Resilienz erhöht, den Wohlfühlbereich wieder erweitert mit Hilfe von inneren Ressourcen und Körpererfahrungen. Der Körper muss das Wohlgefühl spüren und einspeichern lernen. Da werden ganz neue Wege eröffnet, ganz ungewohnte Muster und Lebenswege begangen. Das ist nicht immer leicht und erfordert auch etwas Mut.

Unsere Erlebnisse und Eindrücke der Welt und die darauffolgenden Handlungen sind wie im Gras niedergetrampelte Hasenwege im Nervensystem. Es sind die viel (meist) genutzten, gut bekannten Pfade. Das heißt aber nicht, dass immer der einzige Pfad ist. Je öfter man etwas wiederholt /erlebt, desto mehr wird das Gras von den Hasen niedergedrückt und es entsteht eine Spur. Darum ist es oft so schwer etwas Neues zu machen, Altes aufzugeben, sich oder etwas im Leben zu ändern. Mann muss neue Wege durch das unbekannte hohe Gras erst mal wagen und überhaupt spüren lernen, dass es noch mehr bzw. anderes gibt. Woher soll man es denn auch wissen, dass sich die Welt auch gut anfühlen darf, wenn man bisher nur gelernt hat von Eindrücken wie Streits, eventuell Krieg, oder Missbrauch oder Gewalt. Unwohlsein, Schwere, Erstarrung (mit allen körperlichen Sypmptomen wie chronische Muskelkontraktionen, Organverstimmungen, Depressionen, Burn-Out) sind ja das einzig bekannte. Wie Medusas versteinernder Blick wurden wir (unsere Lebensgeister) zu Stein erstarrt, sind schwer und leblos und grau geworden. Zumindest Anteile von uns. Das Leben darf – man möchte es fast glauben in dieser schrecklichen und gefährlichen Welt – auch schön, bunt, wohl, lebendig und ein Abenteuer sein!

Denn die Welt ist eigentlich nicht wie sie zu sein scheint. Sie ist einfach nur so wie sie ist. Auf unserer persönlichen Reise ist sie nur so wie wir sie wahrnehmen und das ist ein individueller Prozess und ein Übungsweg. Gerne unterstütze ich Sie auf Ihrem Weg Ihre Erstarrunegen Ihrer persönlichen Medusa zu transformieren.

Freeze – Eine biologische Funktion

Das „freeze“ bezeichnet einen biologischen Menchanismus, der den Säugetieren und auch den Menschen inne wohnt. In lebensbedrohenden Gefahrensituationen wird extrem viel Energie im Organismus mobilisiert. Es handelt sich um eine immense Lebensenergie, die durch Kampf oder Flucht das eigene Überleben sichern soll. Werden beide Auswege blockiert dann setzt sich diese Energie im Nervensystem fest, es hängt etwas nach, es wird etwas eingefroren. Und man denke auch als Mensch an die vielen sozialen Konformen, in die man sich presst, oder man ist festgehalten oder es gibt einfach keinen Ausweg z.B. auch nicht als Kleinkind in einem Heim, wo der Haussegen schief hängt. So entstehen entweder abrupt oder über einen Zeitraum hinweg (chronisch) diverse funktionale, neurologische, soziale, motorische Dysregulationen, die sich als Phobien, Engegefühlen, Zurückgezogenheit, Süchten, Atem- und Verdauungsbeschwerden äußern können.

Durch Somatic Experiencing, einer Traumatransformationsmethode, lässt sich ein neuer Zugang zum Körperbewusstsein entdecken. Ziel ist es das eingefrorene Energiepotential wieder aufzutauen, zu schmelzen, zu transformieren, auf dass man heraus – aus den alten zwanghaften Mustern – neue Wege voll Kraft und Freude begehen kann.

In folgendem Video sieht man sehr schön, wie sich ein Eisbär durch unwillkürliches Schütteln von seinem Stresspotential befreit.

 

 

Somatic Experiencing – Freeze

Säugetiere und auch Menschen besitzen einen uns innewohnenden Mechanismus des Nervensystems, der mit einer Starre (freeze) reagiert. Die bekannten und gängig gelehrten Modi unseres Nervensystems sind der Sympathikus (Aktivität, Bewegung, Action, Spannung) und Parasympathikus (Ruhe, Entspannung, Verdauung, Schlaf).

Aufgrund unseres Wirtschafts- und Lebnsstils im Westen ist es oft der Parasymaphitkus, der gestört und nicht richtig eingebettet im natürlichen Rhythmus funktioniert. Wir überbewerten die Aktivität: Wir werden erzogen ständig aktiv sein zu müssen, etwas leisten zu müssen, etwas aufzubauen, hart zu arbeiten um eine Karriereleiter hochzukommen (irgendwo daneben geht sich vielleicht auch noch das Dasein als Familienvater und Familienmutter aus. Etwas überspitzt ausgedrückt). Auf der anderen Seite suchen wir dann danach unsere Ruhe herstellen zu wollen mit diversen Entspannungstechniken, Meditation, Yoga, Esoterikmethoden, usw. Wir zwingen unserem natürlichen biologischen Rhythmus durch zu viel Tun etwas auf, was in vielen Positionen nicht gesund ist. Darum ist es so oft der Fall, dass wir Menschen an unergründlichen Stoffwechselproblemen zu leiden haben und die Atmung, Verdauung funktionieren nicht optimal. Wir haben Atembeschwerden, Verstopfung oder Druchfall oder können gar nicht ein- oder durchschlafen.

Zurück zum Thema: Auf eine akute Gefahr reagieren organische Lebewesen mit: Kampf oder Flucht. Der Sympathikus wird aktiviert und der Körper ist bereit zur Aktion (innerhalb eines Sekundenbruchteils). Da braucht das System keine Entspannung, Ruhe oder Verdauung. Kampf oder Flucht kann und soll natürlicherweise das Individuum vor der Gefahr schützen und retten um zu überleben. Nun kommt es: Wenn aber beide dieser Optionen nicht funktionieren – man ist z.B. festgehalten, oder die Bedrohung wird als so groß wahrgenommen, sodass das System überfordert ist und quasi zusammenbricht bzw. „einfriert“, erstarrt – dann gibt es einen von Gott (oder der Natur) geschaffenen Mechanismus, der uns auch retten kann: das freeze (eben: „Das Einfrieren“, Erstarren). Ein Satz von Woody Allen lautet: „Wenn ich schon sterben muss, dann möchte ich nicht dabei sein.“ – und genau darum geht es. Es macht uns den Abgang leichter, man spürt nichts mehr, nicht mal mehr Angst. Das freeze an sich ist aber nicht das Problem, sondern für uns Menschen ist es nur das Problem aus dem freeze wieder vollständig herauszukommen.

In der Tierwelt gibt es Beobachtungen, bei denen das Beutetier aus dem freeze hervorkommt, aufspringt und wegläuft; wie in folgendem Video diese Gazelle:

Beim Menschen ist es (scheinabr) etwas komplizierter. Da wir in unserer Kultur einen zu großen Schwerpunkt auf unser Großhirn gelegt haben (mittlerweile), haben wir einen Zugang und Gespür zu unserem natürlichen Körper und seinen Rhythmen verloren. In Somatic Experiencing stützen wir den Klienten und leiten ihn an, wieder Zugang zu den zugschütteten, eingefrorenen Arealen im Körper und im Sein zu finden und diese allmählich zu schmelzen und aufzutauen. Was darunter liegt und frei kommt? Pure Lebenskraft, Energie…

Somatic Experiencing® – Eine Einführung

Somatic Experiencing ist eine von Peter A. Levine ins Lebens gerufene Art der Traumalösungsmethode. Der US-Amerikaner promovierte in medizinischer Biophysik und Psychologie. Er arbeitete jahrelang in diversen Schmerzzentren, bei der NASA zur Stressbewältigung, sowie auch mit US-Kriegstraumatisierten aus Vietnam und dem Irak. Der Zugang, den er zur Traumabewältigung erarbeitete, ist einer aus der Sicht der Biologie. Viele seiner Erkenntnisse leitete er aus dem Tierreich ab und er fand, dass Tiere in freier Wildbahn keine posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) davontrugen – im Gegensatz zum Menschen – und das, obwohl die Tiere sich in mehr oder minder ständiger Bedrohung und sogar Lebensgefahr befinden. Der Mensch innehalb seiner „sicherern Zivilisation“ ist da etwas anders und trägt sehr wohl unfallbedingte und entwicklungsbedingte PTBS davon. Eigentlich sind es keine Störungen sondern unabgeschlossene Impulse des Nervensystems. Es ist also vielmehr eine Regulationsschwierigkeit als eine Störung. Steht uns unser Neokortex (das Großhirn) womöglich zur Beseitigung gewisser Belastungen sogar im Wege?

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Ein neues Paradigma bricht nun hern, was die Therapie vom Menschen angehen sollte. Traumatische Belastungen nur auf psychischer Ebene zu betrachten und auch so behandeln zu wollen (z.B. nur rein verbal) ist beinahe absurd. Denn wer oder was speichert oder erinnert sich da? Es gibt Überlebensmethoden des Verdrängens und mehr. Der Geist mag verdrängen und vergessen aber der Körper vergisst nicht. Es geht einfach um Verletzungen und Wunden, ganz allgemein gesagt, die verheilen können und möglichst alle Ebenen miteinbeziehen: Den Neokortex, das limbische System und auch unser Reptilienstammhirn. Außerdem gibt es in unserem menschlichen Dasein Entwicklungsstufen – z.B. pränatal oder präverbal im Säuglingsalter – so, dass es gar keine Möglichkeit gibt bestimmte Ereignisse und Vorfälle zu beschreiben oder zu artikulieren, da ja die Sprache und das Großhirn einfach dafür noch nicht ausgeprägt waren. Dennoch passieren Dinge in dieser Zeit. Und einiges davon wiegt selbstverständlich mehr, als würde es uns im Erwachsenenalter widerfahren (man denke einfach an Kälte- oder Gewalt- oder Lautstärke-Einwirkungen). Also wer oder was speichert dies ab in uns? Unser Nervensystem! Es ist die Erkenntniss, dass Traumata in unserem Nervensystem „feststecken“ oder „eingefroren“ sind, was die Konsequenz hat, dass man über eine körperlich (somatisch) orientierte Methode eher an Empfindungen und Erfahrungen herankommt und diese so transformieren kann. Das Nervensystem ist darauf ausgelegt sich selbst zu regulieren. Wenn das gelingt, sind wir in einem guten dynamischen und stabilen Gleichgewicht. Kommen diverse Prozesse jedoch nicht zu einem von der Biologie vorgesehen Abschluss (wie z.B. auch „fight“ oder „flight“), dann zeichnet sich das im Organismus ab: durch Ängste, Kontraktionen, Unregelmäßigkeiten in der Regulation, Verdauungs- und Atembeschwerden uvam. Das Nervensystem reagiert mit einer weiteren Funktion – dem „freeze“ – bei dem der Organismus aus Selbstschutz einfach „herunterfährt“ z.B. im Angesicht des kurz bevorstehenden Todes („Wenn ich schon sterben muss, dann möchte ich nicht dabei sein.“). Das freeze ist nicht das Problem – wir müssen da nur wieder herauskommen. Es gibt Beobachtungen aus der Tierwelt, bei denen ein scheinbar regungsloses Beutetier plötzlich wieder aufspringt und davonrennt. Auch wir Menschen erstarren. Nur wir kommen einfach nicht mehr so leicht aus der Erstarrung heraus, wie die Tiere in freier Wildbahn. Teile von uns bleiben kontrahiert und nicht „im Fluss“. Etwas hängt uns noch etwas nach, ist nicht abgeschlossen. Wir sind nicht darüber hinweg.

Somatic Experiencing® verhilft durch eine mitfühlende, ruhige Begleitung in einem sicheren Setting, die Körperempfindungen durch Spüren, durch Atmen, durch Bewegung wahrzunehmen und bestimmte Angelegenheiten in uns neu zu verhandeln und neu zu integrieren. Es soll uns verhelfen uns von alten Geschichten, die uns nachhängen und Verletzungen zu befreien. Wir können lernen neue, mutige Wege in unserem Leben zu gehen und unseren Körper und die Welt wieder als einen sichereren Ort erleben und wahrnehmen. Es geht bei der Methode um Stressbewältigung, Resilienz, Bindungsfähigkeit, soziales Engagement und das Durchbrechen negativer Muster, sowie auch das Stoppen des weiteren Traumatisieren von Kleinkindern. Aber Traumata sind einfach ein Fakt des Lebens. Das wird sich wohl nie verhindern lassen. Allerdings müssen wir nicht ein Leben lang daran leiden oder es als Freiheitsstrafe hinnehmen. Diese Zwangsjacke der Belastungen in unserem Nervensystem lassen sich regulieren und neu verhandeln.