Warum es oft so schwer ist…

Stellen Sie sich einen Hasen auf der Flucht vor. Eine ungeheure (Überlebens-)Energie mobiliseiert seinen Körper auf Höchstgeschwindigkeit, um Haken zu schlagen, um davon zu rasen weil sonst der Tod kommt. Nun stellen Sie sich vor, dass diese enorme Energie nicht in Form dieses Davonrennens entladen und umgesetzt werden kann als natürliche Reaktion, sondern der Körper würde beispielsweise festgehalten. Das Energiepotential bliebe dann im Organsimus stecken und verursacht Stockungen und Dysregulationen in unserem Nervensystem. So verhält es sich auch beim Säugetier-Menschen. Wird unsere natürliche Reaktion des Nervensystems nicht adäquat abgebaut und entladen (oder voll gespürt und gelebt) in der jeweiligen Sitation um einen Erfolg zu landen, dann entstehen so genannte posttraumatische Belastungsstörungen. Das können Atmungs- oder Verdauungsbeschwerden sein, sowie soziales Unvermögen adäquat zu reagieren um im richtigen und deutlichen Maß Ja oder Nein innerhalb gesunder Grenzen zu vermitteln.

Die natürliche Reaktion des Organismus wurde also unterbrochen, somit trachtet das Nervensystem immerzu danach diese Reaktion zu einem runden und erfolgreichen Abschluss zu bringen. So bleiben etwa auch wir Menschen in ungeglückten, und daher später auch unpassenden Angriffs- oder Fluchtreaktionen hängen, was jede Menge weiteren Unfug ins eigene Leben hineinbringt: Körperlich, psychisch, sozial. Man muss dann den denkenden und fühlenden Körper dazu bringen, die aufgestauten Energien in sicherem Rahmen zu entladen und sich somit zu befreien um wieder natürlich und klar im „echten“ Hier und Jetzt zu sein (und nicht, so wie es das Nervensystem glaubt, noch im Flucht- oder Angriffsmodus von damals zu stecken)…soetwas ist in unserer nicht-idealen Menschen-Welt normal und gehört zum Leben dazu. Manchmal ist man (mehr oder weniger) gefangen, beispielsweise wenn man mit der Gefahr im eigenen Heim lebt, oder bei einem Unfall oder etwa bei einem Sturz, den man nicht gut steht oder abfängt. Unsere Resilienz ist dann aufgrund von „zu viel“ (und „zu schnell und zu plötzlich“) überlastet. Es ist wie das Treten von Gas und Bremse gleichzeitig! Jedoch, die Hoffnung lebt. Wir müssen nicht ein Leben lang unter dem aufgestauten (unabgeschlossenen) Potential leiden, es gibt Möglichkeiten der Neu-Verhandlung und Neu-Regulation des eigenen Nervensystems durch gute Therapeuten (beziehungsweise Somatic Experieincing Practitioner) als Begleiter.

Wieso ist es scheinbar oftmals so schwer etwas in unserem Leben zu ändern, obwohl wir gerne etwas ändern würden. Es gibt (Verhaltens-)Muster, die uns immer wieder in der Außenwelt begegnen, die sich uns als Probleme (oder Themen) darstellen. Die Ursachen jedoch liegen in uns! Die äußeren Bedingungen lösen „nur“ etwas in uns aus (wir werden getriggert). Aus der Sicht der Trauma-Therapiemethode Somatic Experiencing ist dieser Teufelskreis durch unser vegetatives Nervensystem zu erklären, und die Lösung dazu liegt hier auch ebenfalls. Wir sind in der Lage mit dem Körper Neues zu strukturieren, zu lernen und zu erfahren. Somit können wir uns allmählich umprogrammieren. Wie lange der Weg aus dem Leid ist, hängt natürlich von der Intensität der traumatischen Erfahrungen und von den eigenen Kapazitäten ab.

Der Mensch und seine Entwicklung:

Was wir erleben und erfahren speichert sich in unserem Körper und in unserem Nervensystem ab. Die Einflüsse auf uns beginnen bereits im Mutterleib. Geht es der Mutter etwa schlecht, gibt es beispielsweise Bindungs- und Beziehungsprobleme mit dem Partner und viel Streit; oder ist die Mutter anderwertig in hohem Stresslevel belastet durch Krieg, Umweltkatastrophen oder dergeleichen, dann hat dies auch eine Wirkung auf den Fötus und das heranreifende Baby im Bauch. Durch herkömmliche (gesprächsorientierte) Methoden kommt man therapeutisch eigentlich kaum an solche frühen Erfahrungen heran. Unser Großhirn für die Begriffsbildung ist im Kleinkindalter noch nicht ausgeprägt und wir können die Welt noch nicht (verbal) beschreiben und darum gibt es aus unserem persönlichen Säuglingsalter meist keine bewussten Erinnerungseindrücke. Und in den ersten Jahren des Lebens passiert viel mit uns. Zusätzlich ist man in diesem Entwicklungsstadium einfach verletzlicher als erwachsene Menschen. Ein Säugling ist verletzlicher als ein Kleinkind und ein Kleinkind ist verletzlicher als ein Erwachsener. Deswegen ist es von enormer Bedeutung, was uns in welchem Entwicklungsstadium widerfährt. Man sollte doch meinen, dass diese Erfahrungen theoretisch nichts ausmachen, denn wir haben den freien Willen um in Zukunft anders und  überelegt zu handeln und unser Leben selbst zu gestalten, da müssen wir doch nicht mehr leiden; ich habe mein Leben selbst in der Hand…? Tja. Jein. Prägungen können stark wie Brandings sein oder wie ein Tattoo sichtbar bleiben. Traumatische (stresshafte) Erfahrungen sind wie imprägniert in unserem (Nerven-Erinnerungs-)System, etwas bleibt in uns stecken, wir erstarren. Unser Körper erstarrt im Schrecken der überwältigenden Eindrücke der Umwelt.

Es gibt grundsätzlich zwei Arten von Traumata:

  1. Monotraumen wie: Unfall, Explosion, Gewalt, Missbrauch, Tod eines nahen Menschen,…Hierbei übersteigt etwas unsere Bewältigungskapazität (Resilienz) – denn es passiert etwas: zu schnell, zu viel und zu plötzlich.
  2. Polytraumen oder chronische aber auch emotionale Traumen: Diese Syndrome sind wesentlich versteckter und raffinierter und meist selbst nicht ein mal bewusst oder erinnerlich. Außerdem ist anatomisch kaum etwas beschädigt, eventuell im Autonomen Nervensystem ist etwas schief (sprich: in der Atmung oder Verdauung beispielsweise). Es handelt sich hierbei um sehr lange anhaltenden Stress, stilles Leiden, Mobbingerfahrungen, Missbrauch über Jahre hinweg, ein schiefhängender Haussegen und die oben erwähnten schädlichen Einflüsse im Säuglingsalter.

Während bei der ersten Kategorie die Sache relativ klar ist und bewusst an etwas bestimmten „gearbeitet“ werden kann, ist die Sache wesentlich verflixter bei Kategorie 2. Denn es kann sein, dass man gar nichts bewusst davon weiß (weil verdrängt, abgespalten oder zu früh passier, dass man sich erinnern könnte). Aber der Körper erinnert sich und dieser spricht durch sein Verhalten. Man ist schlicht und einfach in dem Nervenkostüm daheim, so wie man es kennt und gewohnt ist seit Jahren oder „immer schon“. Hierbei wird geschaut, dass man die Resilienz erhöht, den „Entpannungsbereich“ wieder erweitert mit Hilfe von inneren Ressourcen und neuen frischen und erfolgreichen Körpererfahrungen. Der Körper muss das Wohlgefühl spüren und einspeichern lernen. Er muss erfahren, dass er in er Lage ist erfolgreich (re)agieren zu können. Da werden ganz neue Wege eröffnet, ganz ungewohnte Muster und Lebenswege begangen. Das ist nicht immer leicht und erfordert auch etwas Mut.

Kommen wir nocheinmal zum Beispiel des Hasen:

Unsere Erlebnisse und Eindrücke der Welt und die darauffolgenden Reaktionen und Handlungen sind wie die im Gras niedergetrampelten Hasenwege. Es sind die viel (meist) genutzten, gut bekannten Pfade (Nervenbahnen, Erfahrungen, Prägungen, Gewohnheiten). Das heißt aber nicht, dass das immer der einzige Pfad durch das Feld ist. Je öfter man etwas wiederholt /erlebt, desto mehr wird das Gras von dem Hasen niedergedrückt und es entsteht eine Spur – im Guten wie im Schlechten. Darum ist es oft so schwer etwas Neues zu machen, Altes aufzugeben, sich oder etwas im Leben zu ändern. Mann muss neue Wege durch das unbekannte hohe Gras erst einmal wagen und überhaupt spüren lernen, dass es noch mehr beziehungsweise anderes gibt. Woher soll man es denn auch wissen, dass sich die Welt auch „gut“ oder sicher(er) anfühlen darf, wenn man bisher nur gelernt hat von den Eindrücken wie Streits, vielleicht sogar Krieg, oder Missbrauch oder Gewalt. Unwohlsein, Schwere, Erstarrung mit allen körperlichen Sypmptomen wie chronische Muskelkontraktionen, Organverstimmungen, Depressionen, Beklemmungen, Burn-Out sind ja bekannt. Wie Medusas versteinernder Blick wurden wir (unsere Lebensgeister) zu Stein erstarrt, sind schwer und leblos und grau geworden; oder zumindest Anteile von uns. Das Leben darf – man möchte es fast glauben in dieser schrecklichen und gefährlichen Welt – auch schön, bunt, wohl, lebendig und ein Abenteuer sein! Für Traumatisierte klingt das wohl wie Hohn! Doch es gibt immer neue Wege…und eine weit positivere Formuliereung zu all dem Gerede über Traumata wäre: Wieviel Glück verträgt ein Mensch!

Denn die Welt ist eigentlich nicht wie sie zu sein scheint. Durch unsere Erfahrungen projizieren wir auf die Welt und auf unsere Mitmenschen. Unsere eigenen Projektionen einmal durchschaut, bemerkt man, dass die Welt einfach nur so ist wie sie ist. Auf unserer persönlichen Reise ist sie nur so wie wir sie wahrnehmen und das ist ein individueller Prozess und ein Übungsweg. Darum heißt es: Dran bleiben, nur Mut und weiter positives Potential ansammeln, irgendwann wird sich  das Erleben spürbar in ein anderes (Wahrnehmungs- und Empfindungs-)Feld verändern lassen. Beharrlichkeit oder ein gewisses Maß an Vertrauen oder Hingabe helfen hier sehr.