Mantra-Visualisations-Praxis

Vajrayana Buddhismus

Die Yogi-Tradition aus der ich stamme, genannt Nyingma-Schule, ist geprägt von Gelübden und einem Haushälter-Dasein im Gegensatz zum Mönch-/Nonnen-Dasein. Der tantrische Buddhismus aus Tibet hat hingegen vieler oberflächlichen Annahmen im so genannten Westen nicht nur mit Erotikangelegenheiten zu tun, sondern generell damit, wie Wesen mit ihrer Lebensenergie umgehen und es bezeichnet auch dem Pfad der Transformation. Tantra bedeutet Gewebe, Kontinuum oder es bezeichnet einfach nur einen Text. Generell geht es darum heilsame Umstände zum Wohle aller Wesen zu kreiieren.

Die geistige kreative und schöpferische Visualisationskraft des Menschen wird in unserem Alltag eigentlich kaum gefördert und vorkommt nach der Kindheit meistens. Im Vajrayana-Buddhismus jedoch spielt diese Fähigkeit des Geistes eine wichtige Rolle und dies kann uns zu Nutze gemacht werden. Das Wort Visualisation selbst kann auch irreführend sein, da man glauben könnte, es handle sich nur um den Sehsinn, der angesprochen wird. Die eigentlich Übung besteht jedoch darin, mit allen Sinnen etwas zu „denken“. „Denke etwas ist so…“


Chenrezig Praxis

Hier folgt nun eine einfache und effektive Praxisübung, die keiner besonderen Einweihung bedarf und ich hier gerne vorstellen möchte. Die abgebildete Figur oben ist Chenrezig oder auch Avalokiteshvara genannt, der Bodhisattva – also ein Weisheitswesen – des universellen Mitgefühls und der Liebe. Im Gegensatz zu einer weltlichen Gottheit, die als externe Macht angesehen wird, sind die buddhistischen Figuren Energie-Aspekte des eigenen Bewusstseins, die man durch deren Anrufung und Praxis in sich und der Welt fördern und kultivieren möchte.

Die Silben des Mantras von Chenrezig haben die Kraft und Wirkung die sechs Daseinsbereiche zu durchdringen und die Wesen zu befreien und Leid zu lindern. Sammle zumindest 700.000 Wiederholungen dieses Mantras an um eine gute Verbindung zu Chenrezig zu erhalten und die Qualität des unermesslichen Mitgefühls in Dir zu stärken.

  • OM: befreit vom Leid der Götterbereiche – Stolz, Ego
  • MA: befreit vom Leid der Asura (Halbgötterbereiche) – Eifersucht, Neid
  • NI: befreit vom Leid der menschlichen Lebensbereiche – Begierde
  • PAD: befreit vom Leid der Tierbereiche – Unwissenheit
  • ME: befreit vom Leid der Bereiche der Preta (Hungergeister) – Gier, Habgier
  • HUM: befreit vom Leid der Höllenbereiche – Hass, Aggression

VERSION I: Dies ist die traditionelle Version, wie sie sich in Tibet etablierte:

Wenn es für Dich stimmig ist…

1. ZUFLUCHT: Nimm Zuflucht (gehe in die Zuflucht)

  • zu Buddha – deiner eigenen Intelligenz, deiner Weisheit, deines Geistes, deiner Buddhanatur
  • zu Dharma – zur Lehre, zur befreienden Information, zur natürlichen Gesetzmäßigkeit,
  • zu Sangha – zur spirituellen Gemeinschaft, den Freunden auf dem Weg der Entwicklung, zum Support

2. BODHICITTA: Erwecke Bodhicitta – den Erleuchtungsgeist, den mitfühlenden höchsten Geist, wohlwollend gegenüber allen fühlenden Wesen! Als Hilfe kannst du erst an ein süßes Baby oder auch einen Welpen oder eine Kätzchen denken, um dieses bestimmte Gefühl des wohlwollenden Schutzes gegenüber bedürftigen Wesen zu erwecken. Dieses Gefühl sollte dann auf alle Wesen ausgebreitet werden.

3. HAUPTPRAXIS: Bete zu Chenrezig (siehe oben) und um seine erwachten Qualitäten des befreienden Herzens zum Wohle aller Wesen.

Visualisation/Meditation/Hauptpraxis: Aus der Leerheit heraus ensteht die Lebenssilbe HRI (siehe unten) auf einem Lotus als Sitz. Die Silbe verwandelt sich dann in Chenrezig, der Du selbst bist; weiß-leuchtend-strahlend, ein Gesicht, vier Arme; zwei Hände sind gefalten und halten den wunscherfüllenden Juwel vor dem Herzen, eine Hand rechts hält eine Kristallmala (wie eine Rosenkranzkette) und in der linken Hand hälst du eine Lotus-Blume. Im Herzen befindet sich die Silbe HRI. Denke („visualisiere“), dass alle Erscheinungen der Ausdruck und die Leere der Gottheit (Chenrezig) sind. Rezitiere das Mantra: OM MANI PADME HUM (sprich Om Mani Peme Hum).

In deinem Herzzentrum, in der Mitte der Brust leuchtet die Silbe HRI und wird umkreist von der Mantrakette (siehe unten), die durch die ständige Reziation angetrieben wird wie ein Dynamo, und dadurch strahlt unermessliches Licht in allen Farben aus (hauptsächlich weiß, aber auch die Farben, die benötigt werden) und füllen erst Deinen gesamten Körper aus und dann strahlen sie zu allen Wesen aus und bringen ihnen Nutzen und Freude. Sie bringen allen Buddhas Opfergaben dar und diese senden ihren Segen zurück, der wieder aufgenommen wird. Die Strahlen aus Deinem Herzen von der Silbe HRI durchdringen alle sechs Daseinsbereiche (siehe unten das Bild; und siehe oben die Beschreibung der Bereiche, die durch die einzelnen Silben berührt werden). Denke, du bringst allen Wesen Opfergaben dar, was auch immer sie benötigen!…Nahrung, Wasser, Kleidung, Blumen, Reichtum, Linderung usw.

Alle Erscheinungen, die Dir widerfahren sind ein Aspekt der Gottheit; Erscheinungen und Leerheit ungetrennt.

Verwandeln und über das Herzzentrum aussenden/ausstrahlen und einsammeln. Die Lebensessenz und alles Gute wird zusammengesammelt und ausgestrahlt an alle Wesen des Raumes.

Die Silbe HRI (links) befindet sich im Herzzentrum. OM MANI PADME HUM (mitte) umkreist das Herzzentrum wie ein Dynamo. Die sechs Daseinsbereiche (rechts) werden durch die gute Kraft und den Segen befreit und lindert das Leid.

4.) AUFLÖSUNG: Alle Erscheinungen im Außen, die Gottheit, lösen sich in Dich auf und in die Silbe in Deinem Herzen. Zuletzt löst sich die Silbe auf, von unten nach oben und der letzte verbleibende Punkt löst sich dann auch auf, so wie es früher ausgesehen hat, wenn man den Fernsehen abdreht und das letzte Pünktchen auf dem Schirm nun verschwindet. Ruhe in Ausgeglichenheit und in der Leerheit.

Löse die Visualisation mit dreimaligem Rezitieren von A A A in die weite des Raumes auf.

Dann erscheine wieder als die Gottheit und beende die Prais mit Widmungs- und Wunschegebeten;

5.) WIDMUNG UND WUNSCHGEBETE: Sprich oder denke: Möge ich glücklich sein, mögen alle Wesen glücklich sein. Mögen alle fühlenden Wesen im Herzen der Erleuchtung erwachen und friedlich, freudig und glücklich sein! Möge all der Verdienst, angesammelt in den drei Zeiten, allen Wesen zu Gute kommen und sie aus der zyklischen Existenz befreien, sodass alle Wesen in der großen reinen Gleichheit Buddhaschaft erlangen mögen!


VERSION II:

Denke Du bist Chenrezig, stell Dir vor Du bist er, leuchtend-weiß und strahlend. Rezitiere das Mantra OM MANI PADME HUM; hunderte Male, tausende Male. Von deinem Herzzentrum in der Mitte der Brust, aus einer kleinen Lichtsphäre strömen unendliche Maßen an Licht aus, die Dich selbst und alle Wesen befreien und deren Leiden lindern.

Die sechs Daseinsbereiche werden gereinigt und mit Mitgefühl erfüllt. Durch die Praxis bekommen alle Wesen das, was sie benötigen um Befreiung aus dem Leid zu erfahren, so denkt man.


VERSION III:

Denke Du bist Chenrezig. Schau Dir das Bild an und welche Attribute er hat. Verwandle Dich in Chenrezig. Du bist er in all seinen Details und Qualitäten und Du leuchtest rein wie er. So schreite voran!


Tipps und Tricks und Anwendungsmöglichkeiten:

Du kannst das Mantra plus die Visualisation auch machen während Du in der U-Bahn sitz, während Du einkaufen gehst, während Du im Restaurant sitzt, während Du Kaffee trinkst oder im Park sitzt oder mit jemandem sprichst usw… auch kannst Du das, was du siehst, hörst, riechst, schmeckst, bzw. konsumierst auch noch widmen und zwar allen Buddhas und allen Wesen, mögen Sie auch so viel und so Gutes haben wie Du gerade, es sei für Sie. Probiere es aus in Kontakt mit einer anderen Person oder auch einem Tier und sende Lichtstrahlen aus dem Herzen zu Deinem Gegenüber. Oder rezitiere das Mantra und sende Dein Licht voraus, vor einem wichtigen Gespräch oder zu einer Person, mit der Du es momentan nicht so leicht hast oder zu jemandem, den Du nicht magst.

Du kannst diese Mantra-Praxis auch bei verstrobenen Wesen anwenden. Rizitiere das Mantra und konzentriere Dich auf die Erlösung des betreffenden Wesens.
Widme bei alltäglichen Tätigkeiten Dein Glück und das äußere Glück, das Du wahrnimmst, allen Buddhas, allen Siegern und überhaupt allen Wesen, auf dass Du es nicht nur für Dich behälst, sondern verbreitest und vermehrst zum Wohle aller Wesen im gesamten Raum. Weitere Beispiele:

  • Wenn Du etwas Gutes isst widme
  • Wenn Du im Supermarkt einkaufen gehst widme
  • Wenn Du auf einer Hochzeit oder einer anderen Feierlichkeit beiwohnst und Glück anderer wahrnimmst, widme
  • Wenn Du bewusst bist beim Waschen Deines Körpers oder Zeit hast es Dir gerade richtig gut gehen zu lassen, widme
  • Wenn Du Tiere fütterst, bete, dass sich diese Freude und Sättigung auf alle fühleenden Wesen übertragen möge und widme
  • Wen Du gerade am Klo sitzt, beten, dass diverse Wesen sich köstlich über Deine Ausscheidungen erfreuen und amüsieren, und widme
  • Wenn Du jemanden liebst, bete dass es diesem Wesen stets gut gehen möge und widme
  • Wenn Du mit jemandem nicht d’accord bist oder jemanden sogar hasst, bete, dass es diesem Wesen stets gut gehen möge und widme

(Glück-)Wunschgebete dienen als gesunde Psychosomatik-Übung. Ihrem Denken und Fühlen wird es besser ergehen, da Du Großzügigkeit und Wohlwollen entwickeln wirst. Dadruch wird auch Dein eigener Körper und Deine Gesundheit davon profitieren. Das bedeutet, Du kümmerst Dich um Dein eigenes Wohl, dadruch, dass Du darauf achtest, dass es allen anderen Wesen um Dich herum gut geht.

FAZIT: Das persönliche Glück resultiert aus dem Wunsch andere Wesen glücklich zu machen (ohne dabei auf sich selbst zu vergessen).


HINWEIS ZUM BUDDHISMUS:

Was hier auf dieser Seite erklärt wird ist eigentlich nicht der Kern des Buddhismus, sondern aber die wichtigste Praxis davon, und ich glaube, dass dies eigentlich vielen Religionen eigen ist mit ein paar Variationen davon, nämlich dem Kultivieren von Liebe und Mitgefühl. Es ist eine von vielen Methoden. Was den Buddhismus jedoch unterscheidet zu den anderen Religionen ist

1.) Es werden alle Lebewesen inkludiert in diesem Mitgefühl, nicht nur Menschen; und

2.) die Leerheit der Phänomene und Erscheinungen; das bedeutet die Dinge sind leer von inhärenter Eigenexistenz; nichts besteht aus sich selbst heraus sondern alle Phänomene erscheinen aufgrund von Ursachen und Bedingungen und Beziehungen.